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Universität Bremen: Studie zu Selbsthilfegruppen für Glücksspieler*innen abgeschlossen

Etwa 430.000 Menschen in Deutschland hatten 2019 Probleme im Zusammenhang mit Glücksspielen. Das ist das Ergebnis der letzten Bevölkerungsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Darunter leiden die Betroffenen selbst, meist aber auch ihre Familien, ihre Freundschaften und oft die Arbeit. Wenn sie an ihrem Verhalten und seinen Folgen etwas ändern möchten, können sie unterschiedliche Unterstützungsmöglichkeiten nutzen.

Professionelle Helfer*innen bieten ambulant oder stationär ihre Fachkenntnisse zu Suchterkrankungen und zum Umgang damit an. In klassischen Selbsthilfegruppen (SHG) können sich Betroffene austauschen und von den Erfahrungen anderer lernen. Wann, wie und warum Betroffene eine Selbsthilfegruppe für Glücksspieler*innen aufsuchen, ist wissenschaftlich kaum untersucht. Je mehr darüber bekannt ist, desto besser lässt sich das Selbsthilfeangebot auf die Bedürfnisse der Zielgruppe abstimmen. Deshalb hat die Arbeitsgruppe Glücksspielforschung der Universität Bremen dazu im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Inneres und Sport eine Befragungsstudie durchgeführt. Sie trägt den Titel
„Die Bedeutung der Selbsthilfe in der Versorgung pathologischer Glücksspieler*innen“.

Auszüge aus den Ergebnissen

Aus 46 Suchtberatungsstellen, 47 SHG und 7 Kliniken kamen insgesamt 355 Fragebögen zusammen, die das Forschungsteam auswerten konnte. Einige Ergebnisse sollen im Folgenden auszugsweise vorgestellt werden. Der komplette Forschungsbericht findet sich hier

An der Studie nahmen Personen im Alter von 19 bis 80 Jahren teil. Der Männeranteil der Stichprobe betrug 85%. Mitglieder einer SHG (240 Teilnehmende) waren durchschnittlich älter als Klient*innen der bundesweiten ambulanten Suchthilfestatistik und auch älter als Problemspieler*innen der Allgemeinbevölkerung laut BZgA. Betroffene mit Migrationshintergrund kamen in der untersuchten Gesamtstichprobe und unter den Mitgliedern einer SHG weniger vor als in den Vergleichsstudien. Zudem besuchten Erwerbslose aktuell deutlich seltener eine SHG.

Darüber hinaus erreichten sowohl die SHG als auch die professionelle Hilfe kaum Betroffene, die beim ersten Kontakt eine geringe Symptomanzahl aufwiesen (sog. riskant oder problematisch Spielende). Fast alle Personen erfüllten zu Betreuungs- bzw. Teilnahmebeginn die Merkmale einer „Störung durch Glücksspielen“. Von weiteren substanzbezogenen (z. B. Drogen) und psychischen Problemen berichteten frühere Mitglieder einer SHG deutlich häufiger als aktuelle.

Wer aktuell keine SHG besuchte (115 der Teilnehmenden), sollte die Gründe dafür angeben. Von 12 möglichen Begründungen wurde nur „Ich bekomme bereits genug Hilfe“ im Durchschnitt als eher zutreffend bewertet. Dagegen nahmen rund 84% der SHG-Mitglieder möglichst regelmäßig an den Treffen ihrer Gruppe teil. Sie berichteten dabei oft oder immer von eigenen Erfahrungen. Für fast alle war ein glücksspielfreies Leben das Ziel.

Von ihrer Gruppe erwarteten die Teilnehmenden am ehesten, aus der Erfahrung anderer zu lernen, Unterstützung zu bekommen, dass die Mitglieder eigene Erfahrungen berichten und andere ermutigen. Die häufigsten Gruppeninhalte waren aktuelle Erfahrungen und Probleme der Teilnehmenden, allgemeiner Austausch und Gespräche über Gefühle. Häufig vorkommende Inhalte entsprachen weitgehend der Bedeutung der Inhalte für die Teilnehmenden.

SHG-Mitglieder erlebten viele positive Effekte. Besonders häufig nannten die Befragten den klareren Blick auf die eigene Situation, Unterstützung bei der Beendigung des Glücksspielens, Unterstützung bei der Vermeidung von Rückfällen und bei zahlreichen weiteren Schwierigkeiten. Am wenigsten stimmten sie der Aussage „Durch die Gruppe kann ich auf professionelle Hilfe verzichten“ zu. Negative Aspekte erlebten die SHG-Mitglieder kaum. Nur vereinzelt wurden Misstrauen aufgrund von Lügen, häufiger Mitgliederwechsel und mangelnde Motivation anderer genannt.

Nahezu alle befragten aktuellen Mitglieder zeigten sich mit ihrer SHG zufrieden bis sehr zufrieden. Geringer als bei den übrigen Befragten fiel die Zufriedenheit bei Personen mit psychischen Problemen im Lebensverlauf aus. Tendenziell waren auch Erwerbslose, Ältere, Personen mit Migrationshintergrund und Personen, die nur unregelmäßig von eigenen Erfahrungen berichteten, etwas weniger zufrieden.

Fazit

Klassische SHG bieten langfristige Unterstützung und Rückfallprophylaxe für Betroffene mit einer Störung durch Glücksspielen. Die Studie bestätigt ihre hohe Bedeutung im Hilfesystem. Aus Sicht der aktuellen SHG-Mitglieder gibt es kaum Verbesserungsbedarf in den Inhalten und der Gestaltung der Gruppentreffen. Potenzial liegt dagegen in der Ansprache jüngerer Betroffener. Auch eine gute Vernetzung mit der professionellen Hilfe erscheint für Personen mit zusätzlichen Belastungen und schweren Störungen wichtig. Darüber hinaus fehlen Unterstützungsansätze für Personen, die nicht oder noch nicht komplett auf Glücksspiele verzichten wollen. Ergänzende Angebote, die diverse sprachliche und kulturelle Bedürfnisse beachten, sind in der professionellen Hilfe und in der Selbsthilfe vonnöten. Ebenso sind für die frühe Unterstützung von Personen mit geringerer Problematik kreative Lösungen gefragt, weil die professionelle Hilfe und klassische SHG sie kaum erreichen.

Mehr erfahren

Zum Forschungsbericht: https://media.suub.uni-bremen.de/bitstream/elib/4379/4/Bericht_final-pdfa.pdf
Quelle: Hayer, T., Girndt, L. & Brosowski, T. (2020). Die Bedeutung der Selbsthilfe in der Versorgung pathologischer Glücksspieler*innen: Nutzen, Grenzen und Optimierungspotenziale. Bremen: Universität Bremen.
Weitere Fragestellungen zur Thematik wurden in einer Doktorarbeit untersucht, mit deren Veröffentlichung in ein paar Monaten zu rechnen ist.
Quelle: Girndt, L. (2020, in Vorbereitung). Individuelle Unterschiede in der Inanspruchnahme von Selbsthilfegruppen für Glücksspielsüchtige – eine empirische Studie.