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Selbsthilfe im Schatten der Pandemie von Werner Hansch

Von dieser zweiten Welle der Pandemie sind wir alle mehr oder weniger hart betroffen und genervt. Ich beklage aktuell besonders den Ausfall der wöchentlichen Begegnungen in meiner Selbsthilfegruppe Glücksspielsucht. Ende Oktober 2020 fand dort die letzte Sitzung statt. Danach wurde uns per behördlicher Anordnung der Tagungsraum entzogen –wg. Corona. Und ich stelle mir vor, das wird andernorts in der Regel auch nicht anders sein. Es betrifft sicher nicht nur die Selbsthilfe gegen Glücksspielsucht, sondern vergleichbare Einrichtungen auf anderen Minenfeldern der Gesellschaft (Rauchen, Alkohol, Drogen) in gleicher Weise.

Die Bedeutung von gruppenbezogener Selbsthilfe im Kampf gegen Sucht ist wissenschaftlich über jeden Zweifel belegt. Gerade auch als begleitende Maßnahme zur Suchtberatung oder -therapie ist sie unverzichtbar. Wenn diese Hilfestellung nun schon über Monate ausfällt, mag man sich die daraus resultierende Rückfallquote unter den Betroffenen erst gar nicht vorstellen. Kontakte beschränkt, häuslicher Stress, womöglich Arbeitslosigkeit, Langeweile – Kurz: eine insgesamt depressive Stimmungslage macht es der Versuchung leicht, sich erneut in den tristen Tagesablauf einzuschleichen. Ein Anruf bei meiner Gruppenleitung bestätigte die traurige Vermutung, dass fast die Hälfte der Sitzungsteilnehmer schon wieder auf Zock unterwegs ist. Wertvolle therapeutische Arbeit, die hier über Monate für die Suchtbefreiung geleistet wurde, bricht bei jedem Rückfall zusammen.

Jetzt Online-Treffen organisieren!

Was tun?  Hartmut Görgen, im Fachverband Glücksspielsucht für die Betreuung der Selbsthilfegruppen zuständig, berichtet von einem interessanten Beispiel aus Bremen. Dort hat Nicole Dreifeld nach diversen Anlaufschwierigkeiten inzwischen ein wöchentliches Onlinetreffen ihrer Gruppe eingerichtet. Das ist sicher kein Eins-zu-eins Ersatz für die reale menschliche Begegnung, aber alle, die daran teilnehmen, sind überzeugt, dass „ZOOM tausendmal besser ist als nichts“. Das sollte Ansporn sein für andere Gruppen, auch entsprechende Onlinetreffen aufzubauen, um so den wichtigen Austausch weiter zu führen. Sogar gruppenübergreifende Onlinetreffen  können sinnvoll sein, wenn es technisch und thematisch passt (z.B. Was tun bei akuter Rückfall Gefahr?).

Im Grunde sind alle Hilfestellungen in dieser Corona beladenen Zeit willkommen, die geeignet sind, willige Suchtaussteiger vor dem verhängnisvollen Rückfall zu bewahren. Wachsame Freunde, ein sensibles Umfeld, die Gefahren wittern und sich angemessen einbringen, sind für Suchtbetroffene gerade jetzt so wichtig. Die summierten Rückfälle in der Suchtbekämpfung sind ein weiterer Kollateralschaden der Pandemie. In der öffentlichen Diskussion ist das heute nicht mal ein Randthema.

Werner Hansch im Interview mit Dr. Ingo Fiedler anlässlich der
32. Wissenschaftlichen Jahrestagung des Fachverbandes Glücksspielsucht . Berlin . 2020

1 thought on “Selbsthilfe im Schatten der Pandemie von Werner Hansch”

  1. Werner Hansch spricht mir aus dem Herzen! Die Selbsthilfe als Präsenzveranstaltung kann einiges mehr als Online-Treffen. In die Augen sehen, in den Arm nehmen zum Trösten, eine herzliche Umarmung zur Begrüßung/Verabschiedung u.s.w.
    Dennoch sind Online-Gruppentreffen eine gute Alternative, um sich nicht aus den Augen zu verlieren. Sich austauschen, z. B. wie jeder mit der Pandemie umgeht. Was macht die Pandemie mit dem Suchtdruck?
    Ärgerlich ist, dass die immer noch illegalen Online-Casinos massiv werben und so labile Glücksspielsüchtige wieder auf die dunkle Seite des Glücksspiel locken.
    Einige nutzen aber auch die Möglichkeit sich ganz vom Glücksspiel loszureißen, bzw. sich zu entschleunigen. Heißt nichts anderes, dass aus jeder Situation etwas Positives zu finden ist.
    Es gibt sicher bald wieder ein Wiedersehen der Selbsthilfegruppen vor Ort in den gewohnten Gruppenräumen!
    Bis dahin bleibt alles gesund, spielfrei, achtsam und vor allem gesund!

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