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Glücksspielfrei e.V. – Neuer Bundesverband Selbsthilfe Glücksspielsucht gegründet

„Mit einer starken und gemeinsamen Stimme sprechen“

Vertreter von Selbsthilfegruppen in der Glücksspielsucht gründen Bundesverband

Bielefeld, 17.11.2021 (tn) – Am vergangenen Wochenende haben Vertreter von Glücksspielsucht-Selbsthilfegruppen aus dem gesamten Bundesgebiet in Dortmund Glücksspielfrei e.V. (*) gegründet, den Bundesverband Selbsthilfe Glücksspielsucht. „Wir wollen die aktiven Selbsthilfegruppen vernetzen und dabei unterstützen, neue zu gründen, damit wir künftig mit einer starken und gemeinsamen Stimme sprechen“, so der frisch gewählte Aufsichtsratsvorsitzende Willi Sirrenberg (München). Insgesamt wählten die anwesenden Gründungsmitglieder – unter ihnen auch der bekannte Sportreporter Werner Hansch, der erst kürzlich ein viel beachtetes Buch über seine Spielsucht veröffentlicht hat – fünf Vertreter in den Aufsichtsrat, darunter auch zwei Expertinnen des ebenfalls in Bielefeld ansässigen Fachverbandes Glücksspielsucht e.V., in dem überwiegend die wissenschaftliche Seite wie Sozialarbeiter, Therapeuten und Psychologen organisiert sind.

Der neu konstituierte Aufsichtsrat hat dann in seiner ersten Sitzung einen ebenfalls fünfköpfigen Vorstand bestellt. In den kommenden zwei Jahren wird der Verband ab sofort von Nicole Dreifeld als Vorstandsvorsitzende, Timo Nobis als ihrem Stellvertreter (beide Bremen) sowie Silvia Forchhammer (Nürnberg), Stefan Martin Börner (Halle (Saale)) und Dirk Scherberger (München) vertreten. „Mehr Menschen über die Gefahren der Glücksspielsucht aufzuklären und gleichzeitig denen, die einen Weg raus aus der Sucht suchen, zu zeigen, es geht, das ist unser Anspruch“, erklärt Dreifeld und ergänzt: „Wir haben es alle selbst auch geschafft, hauptsächlich durch den Besuch unserer Selbsthilfegruppen vor Ort.“ Die große Wirkung, die Selbsthilfe in der Bewältigung von Suchterkrankungen bei Betroffenen erzielt, ist schon seit Jahren bekannt und auch durch wissenschaftliche Studien hinreichend belegt. Doch Vorstandsvize Nobis weist auf einen wichtigen Umstand hin: „Aktuell gibt es im Bereich der Glücksspielsucht-Selbsthilfe noch etliche weiße Flecken auf der Deutschlandkarte, in einigen Bundesländern gibt es nicht einmal eine Handvoll Gruppen landesweit, während es Unterstützung für Alkoholkranke sehr oft im Umkreis von 10-15 Fahrminuten gibt. Daran wollen wir alle gemeinsam im Rahmen unserer Möglichkeiten etwas ändern.“ Ehrenamtlich, aber mit vollem Elan wollen sich Mitglieder wie die gewählten Gremienmitglieder ab sofort an die Arbeit machen.

Neben der Unterstützung der Selbsthilfegruppen vor Ort treibt den neu geschaffenen Bundesverband unter anderem die im Sommer in Kraft getretene Neuregelung des Glücksspielstaatsvertrages um. Mit der Liberalisierung im Juli haben die Bundesländer erstmals auch Onlinecasinos in Deutschland legalisiert. Diese Angebote gibt es zwar schon seit Jahren tausendfach im Netz, bisher war der Betrieb in Deutschland jedoch verboten. Lediglich in Schleswig-Holstein ist 2011 die damalige Landesregierung ausgeschert – und hat in der Hoffnung auf neu zu erschließende Steuerquellen Online-Glücksspiel teilweise legalisiert. „In diesem Zusammenhang ist es jedoch äußerst schwer nachzuvollziehen, dass die ebenfalls im Staatsvertrag geregelte Schaffung einer gemeinsamen Aufsichtsbehörde der Bundesländer erst in knapp zwei Jahren abgeschlossen sein soll“, betont Börner, der für den Bundesverband direkt vor Ort überprüfen kann, ob der Aufbau dieser Behörde vorangetrieben wird. Diese wird in Börners Wohnort Halle (Saale) ihren Sitz haben.

Ergänzende Informationen:

Die Glücksspielsucht ist eine ernstzunehmende Form der Suchterkrankung: Spielhallen, Casinos und Wettbüros schießen – online bzw. terrestrisch – wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Für viele Menschen steigt damit das Risiko die Kontrolle über ihr Glücksspielverhalten zu verlieren. Für einige endet der Weg dann sogar in einer manifestierten Suchterkrankung: sie können trotz größer werdender finanzieller Probleme, trotz Verwerfungen in der Familie sowie dem sozialen oder beruflichen Umfeld kaum eine Sekunde des Alltags absolvieren, ohne an den nächsten Einsatz, die nächste Wette zu denken. Die in den letzten Jahren stark gestiegene Verfügbarkeit hat diese Entwicklung noch weiter angeheizt. Mit mobilen Endgeräten und stetig wachsenden Online-Angeboten können Süchtige buchstäblich Haus und Hof verzocken, während sie neben ihrem Lebenspartner gemütlich auf der Couch sitzen. Zudem sieht man Glücksspielern ihre Sucht nicht an, sie haben keine Alkoholfahne, torkeln nicht oder lallen, sie haben keine Aussetzer, wie sie häufig mit Medikamentenmissbrauch oder dem Konsum harter, stoffgebundener Drogen einhergehen.

Wenn man dann an einem Punkt angekommen ist, an dem man zuerst sich, aber auch der Familie oder dem Arbeitgeber gegenüber eingestehen muss, dass man suchtkrank ist, braucht man Unterstützung. Wie für Drogen- oder Alkoholkranke gibt es auch in der Glücksspielsucht die Möglichkeit, sich bei der Bewältigung der Sucht durch Gespräche mit Fachleuten in den kommunalen oder kirchlichen Fachstellen helfen zu lassen, es gibt ambulante oder stationäre Therapieangebote für diese erst seit 2001 offiziell als Krankheit anerkannte Suchtform. Und es gibt Selbsthilfegruppen für Betroffene, für deren Angehörige – manchmal treffen diese sich auch gemeinsam.

(*) Die Eintragung als eingetragener Verein ist beim zuständigen Registergericht in Bielefeld beantragt.

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